Es gibt Unterschiede, die man nicht verstecken kann.
Ich wurde mit einer medianen Gesichtsspalte geboren. Mein Gesicht sah anders aus als das vieler anderer Menschen. Schon in der ersten Pause in der Grundschule merkte ich, dass manche Kinder nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten. Ein älterer Schüler beleidigte mich wegen meines Aussehens und wollte mich vom Schulhof wegschicken.
Ein Satz aus dieser ersten Pause ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben: „Ey du scheiß Plattensee, verpiss dich mal hier.“
Für einen Moment wurde nicht mehr der Mensch gesehen, sondern nur das, was an ihm anders aussah.
Genau deshalb ist respektvoller Umgang für mich kein Thema, das nur in Schulprogrammen stehen sollte. Er zeigt sich im Alltag: darin, wie Menschen miteinander sprechen, wie Erwachsene reagieren und ob ein Jugendlicher sich sicher fühlt.

Persönliche Archivaufnahme nach einem medizinischen Eingriff.
1. Sichtbare Unterschiede dürfen kein Freibrief für Kommentare sein
Kinder und Jugendliche sind neugierig. Das ist normal. Aber Neugier rechtfertigt kein Starren, Tuscheln oder beleidigende Bemerkungen.
Schulen können klare Regeln vermitteln:
- Fragen respektvoll stellen;
- nicht über das Aussehen anderer urteilen;
- keine Bilder oder Kommentare ohne Zustimmung verbreiten;
- Grenzen akzeptieren, wenn jemand nicht darüber sprechen möchte.
Eine sichtbare Besonderheit ist keine Einladung, die betroffene Person zum Gesprächsthema zu machen.
2. Ausgrenzung muss sofort ernst genommen werden
Wenn ein Schüler wegen seines Aussehens beleidigt wird, sollte niemand sagen: „Das war doch nur Spaß.“ Für die betroffene Person ist entscheidend, ob Erwachsene hinschauen und handeln.
Lehrkräfte können ruhig, aber klar reagieren: Die Aussage war nicht in Ordnung. Wir sprechen respektvoll miteinander. Niemand wird wegen seines Aussehens, seiner Herkunft oder einer anderen persönlichen Eigenschaft abgewertet.
Wichtig ist auch, später noch einmal nachzufragen. Ein einzelnes Gespräch beendet nicht automatisch das Problem.
3. Betroffene Jugendliche müssen nicht ihre ganze Geschichte erklären
Ein Jugendlicher muss vor der Klasse nicht seine medizinische Geschichte, seine Operationen oder private Erfahrungen erzählen.
Manche möchten darüber sprechen. Andere möchten einfach dazugehören, ohne ständig erklären zu müssen, warum sie anders aussehen oder was sie erlebt haben.
Deshalb sollten Lehrkräfte vorher fragen, statt ungefragt persönliche Informationen zu teilen. Die betroffene Person entscheidet selbst, was sie erzählen möchte und was privat bleibt.
4. Über Ausgrenzung und respektvollen Umgang sprechen
Über Ausgrenzung und respektvollen Umgang zu sprechen, sollte nicht erst passieren, wenn jemand beleidigt wurde.
Schulen können mit ihren Klassen regelmäßig darüber sprechen:
- Was bedeutet ein respektvoller Umgang?
- Wie reagieren wir, wenn jemand beleidigt oder ausgeschlossen wird?
- Was ist der Unterschied zwischen einer neugierigen Frage und einer Grenzüberschreitung?
- Wie gehen wir mit Bildern, Kommentaren und Hate im Klassenchat um?
Dabei muss nicht immer eine einzelne betroffene Person als Beispiel dienen. Unterschiede gehören zum normalen Leben und sollten nicht auf eine einzelne persönliche Geschichte reduziert werden.
5. Jugendliche brauchen verlässliche Menschen
Meine Familie hat mir sehr geholfen. Besonders meine Mutter und meine Brüder haben mir Liebe, Vertrauen und Zusammenhalt gegeben. Auch einige Mitschüler haben mir gezeigt, dass ich nicht allein bin.
Gleichzeitig habe ich erlebt, dass selbst Menschen, denen man vertraut, einen enttäuschen können. Ein ehemaliger bester Freund hat mich einmal direkt beleidigt, als ich in einer Situation besser war als er.
Das hat mir gezeigt: Jugendliche brauchen nicht nur eine einzige Vertrauensperson. Sie brauchen mehrere Anlaufstellen – in der Familie, in der Klasse und in der Schule.
Das können Klassenlehrkräfte, Schulsozialarbeit, Beratungslehrkräfte, Vertrauenspersonen oder ein Mobbing-Interventionsteam sein.
Was Schulen konkret tun können
Eine Schule, in der sich Jugendliche sicher fühlen, muss nicht perfekt sein. Sie muss bereit sein, hinzusehen und zu handeln.
Hilfreich sind zum Beispiel:
- klare Regeln gegen Ausgrenzung und abwertende Kommentare;
- feste Ansprechpersonen für betroffene Jugendliche;
- regelmäßige Gespräche über Respekt, Ausgrenzung und Cybermobbing;
- ein sicherer Umgang mit persönlichen Informationen;
- Nachfragen, wenn sich ein Jugendlicher zurückzieht;
- Unterstützung, ohne die betroffene Person vor der Klasse auszustellen.
Ich habe gelernt, dass mein Gesicht ein Teil meiner Geschichte ist. Aber es ist nicht meine ganze Geschichte.
Eine sichtbare Besonderheit darf nicht darüber entscheiden, welchen Wert ein Mensch in einer Gemeinschaft hat.
Respekt und Zusammenhalt bedeuten für mich: Ein Jugendlicher sollte sich nicht verändern müssen, um respektvoll behandelt zu werden. Eine Gemeinschaft muss lernen, Unterschiede auszuhalten und zu respektieren.
In meinen Workshops zu Mobbingprävention, Cybermobbing, Selbstwert und Resilienz spreche ich mit Jugendlichen darüber, wie sie andere stärken, Grenzen respektieren und mit Ausgrenzung umgehen können.
Respekt und Prävention an Ihrer Schule
Wenn Sie mit Jugendlichen über sichtbare Unterschiede, Ausgrenzung, Cybermobbing und respektvolles Miteinander sprechen möchten, finden Sie hier meine Workshops.
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